Drogenpolitik — Den Frankfurter Weg weitergehen

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Frankfurt am Main haben auf ihrer Kreismitgliederversammlung am 2. Oktober 2010 einstimmig ihr Kommunalwahlprogramm mit dem Titel „Frankfurt 2016 — Die Stadt gehört dir!“ beschlossen. Im Kapitel „Solidarisches Frankfurt: Stadt der Bildung und der Teilhabe“ finden sich unter der Überschrift „Drogenpolitik — Den Frankfurter Weg weitergehen“ fast 4 Seiten zum Thema – bei ca. 100 Seiten Gesamtprogramm ist die eine Menge. Download

Drogenpolitik — Den Frankfurter Weg weitergehen
Sucht ist eine Krankheit und keine persönliche Willensschwäche. In Frankfurt ist dies früh akzeptiert worden – wir haben den Frankfurter Weg der Drogenhilfe als Kombination aus individuellen Hilfen, überwachter Substitution und festen Verabredungen zum Verhalten im öffentlichen Raum erheblich mit geprägt. So haben wir in Frankfurt die drogeninduzierte Kriminalität besser in den Griff bekommen als durch reine Repression. Wir wollen weiter eine pragmatische Drogenpolitik. Dabei setzen wir auf ein abgestimmtes System aus Prävention, Hilfe für Abhängige, Beratung/Therapie und, wo notwendig, auf Repression. Wir haben es in den letzten Jahren geschafft, dass die offene Drogenszene Anfang der 90er Jahre mit über 1000 Abhängigen mittlerweile Geschichte ist. Wir konnten so erreichen, dass die Drogenproblematik in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Aber nur, weil das Problem weniger sichtbar ist, können wir nicht auf eine aufmerksame Drogenpolitik verzichten. Wir müssen diesen europaweit beachteten Weg weitergehen und fortentwickeln.

Abgestimmtes Hilfe- und Beratungssystem
Nur ein abgestimmtes Hilfe- und Beratungssystem, kombiniert mit präventiven Programmen, kann langfristig erfolgreich Sucht verhindern. Wir setzen uns für eine breite Palette von abgestuften Hilfsangeboten für Abhängige ein. Abstinenzangebote haben dabei die gleiche Berechtigung wie Substitution mit Methadon oder die kontrollierte Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige, die mit anderen Angeboten nicht erreicht werden können. Wichtig allein ist die spezielle Situation, in der sich die Menschen befinden, und welche Therapie am meisten Erfolg verspricht.

Vernetzte Betreuung
Das größte Problem von Drogenabhängigen und Substituierten ist immer noch die Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Wir wollen eine bessere Betreuung von DrogenkonsumentInnen und Substituierten erreichen. Dazu ist es notwendig, vernetzte Strukturen zwischen Arbeitsagentur, Job-Centern, Drogenhilfe und dem Jugend- und Sozialamt herzustellen, um Drogenabhängigen und stabil Substituierten individuelle abgestimmte Angebote machen zu können.

Tagesstrukturierende Angebote
Wir müssen aber auch leider feststellen, dass viele abhängige Menschen seit so langer Zeit von geregelten Tagesstrukturen und dem Arbeitsmarkt entfernt gelebt haben, dass eine unmittelbare Eingliederung in den Arbeitsmarkt nicht gelingen kann. Auch diese Menschen dürfen nicht auf dem Abstellgleis landen. Für sie brauchen wir mehr tagesstrukturierende Angebote und Hilfen. Vor allem Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen brauchen die notwendige Unterstützung, um sich an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. Hier wollen wir in der nächsten Wahlperiode einen Schwerpunkt setzen.

Schutz vor Gewalt gegen Frauen
Frauen sind die schwächsten Glieder einer von Gewalterfahrungen und Verelendung geprägten Drogenszene. Sie leiden als Folge von Drogenprostitution häufiger unter sexuell übertragbaren Krankheiten (Hepatitis und HIV) und unter sexueller Gewalt. Hier sind besondere Hilfen und Schutz vor Gewalt notwendig. Wir wollen ein sicheres Umfeld für diese Frauen schaffen. Angebote zur Infektionsprävention und -behandlung müssen ausgebaut werden. Gleichzeitig wollen wir die Beratungs- und Angebotsstruktur bereitstellen, damit diejenigen, die aus dem Teufelskreis aus Drogenkonsum und Prostitution aussteigen wollen, es auch schaffen können.

Psychiatrische Versorgung
Ein kleiner Teil der Abhängigen leidet nach langjährigem Drogenkonsum unter teilweise schweren psychischen Erkrankungen. Viele versuchen durch den Drogenkonsum traumatische Erfahrungen zu verdrängen. Sie fallen durch ihre besonderen Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit auf und prägen das Bild des unkontrollierbaren Junkies. Durch die besondere Situation der Drogenabhängigkeit kommt diese Personengruppe nur unzureichend in der psychiatrischen Regelversorgung an. Hier wollen wir die psychiatrische Versorgung in Zusammenarbeit mit der Drogenhilfe verbessern.

Legale Suchtmittel: Jugendschutz besser umsetzen
Der Konsum von Alkohol unter Jugendlichen nimmt seit Jahren zu. Viele Jugendliche beginnen schon sehr früh mit einem riskanten Konsum alkoholischer Getränke. Ein Viertel der 15–Jährigen FrankfurterInnen hat schon mindestens einmal bis zur Bewusstlosigkeit getrunken. Hier sind der Handel und die Gaststättengewerbe in der Pflicht, den Jugendschutz besser umzusetzen. Wo nötig, halten wir gezielte Kontrollen und eine konsequente Verfolgung von schwarzen Schafen im alkoholausschenken den Gewerbe für notwendig. Gleichzeitig setzen wir auf Aufklärung und Prävention ohne erhobenen Zeigefinger gegenüber den Jugendlichen. Wir setzen auf eine abgestimmte Kompetenzförderung der Jugendlichen, um ihren Alttag selbstbestimmt meistern zu können. Dies gilt auch für Tabak und andere legale Suchtmittel.

Bessere Vernetzung der Hilfsangebote
Für alkoholkranke Erwachsene am Rande der Gesellschaft brauchen wir eine bessere Vernetzung von Obdachlosenhilfe, Sozialarbeit, Medizin und Drogenhilfe. Es gibt aber auch viele Menschen mit Alkoholproblemen, die immer noch gut in die Gesellschaft integriert sind. Diese versuchen ihre Sucht-Probleme meist zu verbergen. Hier müssen wir systematisch Schwellen zu den Hilfs-, Selbsthilfe- und Behandlungsstrukturen erkennen und abbauen.

Spiel- und Onlinesucht
Auch Verhaltensweisen können die Form von Sucht annehmen. Allerdings ist hier zu beachten, dass nicht jede ungewöhnliche Verhaltensweise gleich ein Problem darstellt. Die „neuen“ Medien sind eine hervorragende Chance für Kinder und Jugendliche. Es ist aber auch immer häufiger zu beobachten, dass vor allem männliche Jugendliche und Kinder zu viel Zeit vor dem PC, dem Fernseher oder der Spielekonsole verbringen. Im Ernstfall führt dies zu einer Sucht, aus der sich die Jugendlichen nur sehr schwer selbst befreien können. Wir wollen ein Programm aufsetzen, das sich der Problematik der Spiel- und Onlinesucht annimmt, aufklärt und Hilfe leistet.

Essstörungen
Essstörungen sind vor allem bei Frauen und Mädchen ein verbreitetes Problem und wirken wie eine Sucht. Ein „normaler“ Umgang mit Lebensmitteln muss hier erst wieder erlernt werden. Zusätzlich muss in der frühkindlichen Bildung ein positives Körperbewusstsein entstehen. Gerade in jungen Jahren ist es wichtig, den eigenen Körper und den Umgang mit Nahrungsmitteln als etwas Positives zu erleben. Hier wollen wir Projekte für die Prävention und Behandlung von Essstörungen fortführen und fördern.